Archive for July, 2011

Piz Padella, Pizzatsch und Piz Ot zur Silver Hour

Wednesday, July 13th, 2011

Ferien sind, wenn man früher aufsteht als sonst. Ich befinde mich schon vor halb sieben am Halt-auf-Verlangen-Bahnhof Madulain und stehe in den ersten Sonnenstrahlen, welche das Tal durchfluten. Der Schatten fühlt sich immer noch nach der Eiseskälte einer Oberengadiner Sommernacht an. Ein Prachtstag kündigt sich an. Während der kurzen Fahrt nach Samedan wird mein heutiges Morgenziel, der Piz Padella, sichtbar. Dass ich auch mit seinem grossen Nachbarn, dem Piz Ot, liebäugle, stand ich noch niemandem ein, selbst mir nicht ganz. Will ja nicht vorgreifen.

Die von Fotografen und Cineasten geliebte Golden Hour kurz nach Sonnenaufgang habe ich verpasst. Doch es muss mindestens so etwas wie eine Silver Hour sein, in welcher ich die ersten Höhenmeter durch lichten Lärchenwald gewinne. Blumenmeer, Vogelgezwitscher, heiter Sonnenschein, leutchtende Schneeberge und Geruch von warmem Harz in der Luft.

Via Alp Muntatsch und Sass Alv gelangt man in eine alpinere Vegetationsstufe. Es geht zügig voran und bald erreiche ich über ein Weglein unschwer den Ostgipfel des Piz Padella (2856m), wo sich auch Kreuz und Buch befinden. Interessant ist die Überschreitung zum Pizzatsch, dem höheren Westgipfel (2884m). Der Verbindungsgrat besteht aus oft scharfkantigen Blöcken, die in schöner Kraxelei überstiegen werden.

Der sich präsentierenden Szenerie jetzt schon den Rücken zu kehren wäre schade und so fällt die Entscheidung zugunsten einer Fortsetzung leicht. Beim Abstieg vom Padella verlasse ich irgendwann den Weg und erreiche über eine Geröllhalde die Valletta, ein grünes Hochtälchen, eingekesselt zwischen Piz Padella, Piz Ot und Las Trais Fluors. Bald weist ein blau-weiss angestrichener Stein hoch zum Piz Ot (3246m), der von hier immer noch ziemlich unnahbar anmutet. Ich verliere in den Weiten der Blocklandschaft zweimal die Spur, finde aber schliesslich den Felsrücken, welchem man bis auf eine Terrasse auf ca. 3000m folgt. Hier beginnt der Schlussanstieg: steil aber weit weniger ausgesetzt und anspruchsvoll als befürchtet. Da der Piz Ot die höchste Erhebung der Umgebung darstellt, bietet sich ein Panorama, das umfassender kaum sein könnte. Wirklich tolles Kino! Die mich umgebenden Grössen Piz Kesch, Piz Ela, Piz Julier und Piz Palü scheinen ein ziemlich perfektes Kreuz zu bilden, in dessen Zentrum man sich hier oben befindet.

Doch ewig dauert mein dolce far niente auf dem Gipfel nicht mehr. Der Abstieg wartet und die Zeit drängt bereits, denn ich bin mit Muriel in St. Moritz zum Glace verabredet – ein weiteres Highlight des Tages. :-) Die fast 2000 Höhenmeter der Tour werden am Schluss spürbar, doch spätestens beim Coupe Romanoff nach Art Hanselmann sind alle Strapazen vergessen.