Endlich: Rinderhorn (3448m)
Wednesday, August 18th, 2010Nun stand das Rinderhorn heuer also immer noch auf der Gipfelwunschliste. Seit Jahren steht sein Name da. Doch wollten die Umstände bisher einfach nie so richtig passen, nicht zuletzt weil der steile Gipfelfirn im Hochsommer schnell ausapert und eine Begehung dann heikler wird. Auch diesen Sommer war das Rinderhorn schon fast wieder abgeschrieben, nachdem ich vom Steghorn aus bereits anfangs Juli die ersten Blankeisstellen ausmachte. Dank dem kühl-nassen Wetter der vergangenen Wochen kam es aber doch noch anders. Das Rinderhorn wurde wieder richtig eingeschneit, wodurch sich für uns am 7. und 8. August eine Gelegenheit bot, die wir endlich nutzten.
Im Berghotel Schwarenbach an einem halbwegs sonnigen Sommerferien-Wochenende kurzfristig einen Schlafplatz zu ergattern ist häufig aussichtslos. Deshalb fragten wir gar nicht erst an und setzen von Beginn weg auf die Freiluft-Variante mit Zelt. Bei schönstem Wetter wanderten wir am Samstag mit schwer lastendem Rucksack durch die Abendsonne zum Daubensee (2206m), verliessen dort den Wanderweg und gingen hoch zum längst evaluierten Biwakplatz auf ~2350m. Diesen teilten wir mit ein paar Schafen, die uns durch ihre Joey-Ramone-Frisuren verwundert dreinschauend gewähren liessen in ihrer Mitte. Wie wir mit dem Zeltaufbau begannen, verabschiedete sich die Sonne hinter dem Felshore, wodurch das Abendessen zu einer schattigen Angelegenheit verkam.
Nachdem um 3:45 Uhr der Wecker geläutet hatte, spähte ich vom Schlafsack aus kurz in die Nacht hinaus. Sterne funkelten mir entgegen. Die schwache Störung, von welcher in den Prognosen die Rede war, scheint noch weit weg. Wolkenlos. Ganz anders um halb fünf, als wir losgingen: Über uns nur noch facettenreiches Grau am Nachthimmel. Dessen ungeachtet arbeiteten wir uns mit Stirnlampen die ewig lange Geröllhalde unterhalb des Rindersattels (2909m) hoch. Diese Passage war mit ihren nicht durchgefrorenen Schneeresten die bemühendste der ganzen Tour (oberer Teil 35° Neigung). Auf dem Rindersattel wehte uns sogleich ein orkanartiger Wind entgegen. Bis hier hin im T-Shirt, ab hier mit Thermowäsche, Kappe und Winterjacke. Bald darauf wurden auch die Steigeisen und das Seil nötig. Hoch über den imposanten nach NE abfallenden Hängegletschern des Rinderhorns geht man nun dem Grat entlang bis zu P.3197. Hier traversiert man in die Nordwestflanke, aufs Firnfeld, wo wir in bestem Trittschnee zum Gipfelgrat empor stiegen. Die letzten paar Meter zum Gipfelkreuz sind ziemlich ausgesetzt (insbesondere wenn noch eine Wechte steht).
Die Wetterlage blieb labil. Regelmässig verkürzten Nebelbänke die Sichtweite auf wenige Meter. Doch immerhin hatten wir zwischendurch kurze sonnige Abschnitte, während es andernorts (z.B. über dem gut 20km entfernten Niesen) zuweilen in Strömen zu giessen schien. Bezüglich Wetter hatten wir Glück im Unglück. Zum Verweilen lud der Gipfel demnach nicht ein. Etwas knauserig gab der Nebel happenweise immer wieder etwas von der Aussicht preis. Mal hier, mal dort. Ein Panorama in Raten. Und so gaben wir uns relativ bald damit zufrieden, auf allen Seiten einmal runtergesehen zu haben.
Der Abstieg erfolgte analog zum Aufstieg. Insgesamt beanspruchte die Besteigung sieben Stunden, wobei wir es relativ gemächlich angingen. Doch auch wenn die Besteigung uns nicht allzusehr aus der Reserve lockte, wussten wir, dass zum Dessert noch der Tribut für das Camping-Abenteuer zu zollen ist, nämlich das Zusammenräumen und Runterschleppen des ganzen Hausrats (inkl. “Haus”), den wir für das Unterfangen mitführen mussten. Und tatsächlich, auf dem Sunnbüel angekommen war unser Bedarf gelinde gesagt gedeckt.